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Leitungskräfte im Gespräch

Planung oder Zuversicht - was braucht die Frühpädagogik?

Ulrich Frischenschlager-Rempe im Interview

29.12.2013 Kommentare (1)

Die Frühpädagogik ist inzwischen ein Feld, in dem Planungsprozesse bis hin zu didaktischen Überlegungen eine große Rolle spielen.  Ob dies gut für die Kinder ist und was die zunehmende Bedeutung für Kinder und  Fachkräfte bewirkt, haben wir einen Experten gefragt, der sowohl in der Kinder- und Jugendhilfe wie auch als Lehrer langjährige Erfahrungen hat.

ErzieherIn.de:  Die Frühpädagogik bemüht sich, Bildungsprozesse bei Kindern zu planen. Können Sie anhand konkreter Beispiele sagen, wann und wo Planung in die Irre führt?

Ulrich Frischenschlager-Rempe:  Wenn ein Kindergarten  größten Wert auf Planung des Jahresablaufs, der Woche und des Tages legt, entsteht ein pädagogisches Klima  der Verplanung, das immer weniger Raum lässt für die tatsächlichen Interessen der Kinder, die sich ja nicht notwendigerweise mit den Jahreszeiten oder den christlichen Festen im Jahreslauf decken. Massive Planung widerspricht im Grunde schon dem Situationsansatz, in dem  die Interessen des Kindes und seine aktuelle Situation im Mittelpunkt stehen sollten – beides lässt sich m.E. nicht vorausplanen, sondern braucht erzieherische Flexibilität und kreativen Umgang mit den Themen der kindlichen Weltaneignung. Wenn die Planung sogar noch weiter geht und Kinder etwa  beim Kochen oder Plätzchen backen die kleinsten Schritte vorgeschrieben und vorgemacht bekommen, wirkt das für das Ziel der selbständigen Welterkundung  geradezu dysfunktional

ErzieherIn.de: Welche Elemente kindlicher Entwicklung sind bei einem Übermaß an Planung gefährdet?

Ulrich Frischenschlager-Rempe:  In erster Linie wird die Selbständigkeit des Kindes verhindert. Wenn mein Tun und Lassen  ge- und verplant ist, verliere ich  Initiative und Eigenverantwortung, weil  ich schon früh daran gewöhnt wurde,  andere für mich entscheiden zu lassen. Darüber hinaus verkümmert die kindliche Fantasie, denn die pädagogische Planung sieht ja auch fertige Ergebnisse vor, die eine vordefinierte Qualität haben sollen – man denke nur etwa an die  ausgeschnittenen Schneemänner, die alle gleich aussehen und immer noch die Fenster vieler Kindergärten „zieren“.  Selbstwirksamkeit kann auf diese Weise kaum entstehen. Abgesehen  davon machen Pläne immer anfällig für die pädagogisch nicht unumstrittene Ergebnisorientierung, für die der wertvolle Prozess des  Suchens  und  Lernens  viel zu oft geopfert wird.  Kinder  brauchen  lebendiges Lernen und keinen Nürnberger Trichter!

ErzieherIn.de: Ist dies nicht eher ein Problem der schulischen Bildung? In der Kita gibt es doch mehr Freiheit, oder?

Ulrich Frischenschlager-Rempe:  Ich denke, dass wir sehr achtsam sein müssen, wenn es um´s Lernen geht.  Viele meiner Schülerinnen  verhalten sich in der Praxis so, als wären sie die Lehrerin, die alles zu wissen hat und den Kindern etwas „beibringen“ muss.  Und wenn man sich  manche Jahrespläne   oder didaktisch-methodische Überlegungen  zu einem sozialpädagogischen Angebot  bei einem Praxisbesuch anschaut, kommt man oft nicht von dem Eindruck los, dass hier noch ein Denk- Modell am Wirken ist, das eigentlich aus dem Studienseminar  älterer Prägung stammt:  die künftige Lehrerin muss sich komplett fit machen hinsichtlich ihrer Unterrichtsstunde, darf keinerlei  fachliche  Schwächen und Unsicherheiten zeigen, muss methodisch alles durchgeplant haben . Und umgekehrt wird dann von den Kindern erwartet, dass sie sich plangemäß verhalten –  und jedes Verhalten, das nicht in der didaktischen Analyse „vorausberechnet“ ist, kann  das ausgearbeitete Konzept ins Trudeln bringen!

Ich glaube, dass sich „pädagogischer Geist“  in der KiTa wie in der Schule in allererster Linie  speisen muss  aus einem Sich-Einlassen auf Kinder  und ihre Neugier und nicht aus Lehrplänen, die oft genug entworfen werden von Leuten, die sich  schon lange sehr weit von der Praxis entfernt haben... Ich glaube also, man muss heute mehr noch als früher  den „Freiraum Kindergarten“  einklagen, pflegen und gegen die verführerischen Verschulungstendenzen in Schutz nehmen.  So lange sich Kindergärten  allzu gerne an vorgestanzte Kopiervorlagen  vom Ausschneide-Bogen  bis zum Portfolio halten, sehe ich diese Gefahr  durchaus als bedrohliche Größe.

ErzieherIn.de:  Welches Bild vom Kind brauchen die Fachkräfte, um die Balance zwischen Struktur und Freiheit sinnvoll zu gestalten? Gibt es dafür in der Pädagogik Vorläufer/innen?

Ulrich Frischenschlager-Rempe:  Wenn es ernst werden soll mit der kindlichen Weltaneignung durch „Ko-Konstruktion“  und Ausschöpfung der Ressource „Neugier“, dann braucht es ein Bild vom Kind, das als kompetentes Wesen definiert wird, von Anfang an.  Jedes Kind will „von Natur aus“ seine Welt begreifen und erfassen,  dafür braucht Pädagogik nicht zu sorgen.  Wofür sie sorgen muss:  Kindern Strukturen bereitstellen, die ein wirkliches „Forschen“ erlauben, gründlicher und selbstbestimmter als im „Haus der kleinen Forscher“  mit seinen vorgegebenen verblüffenden Übungen.  Dazu braucht es z.B. flexible Zeitgestaltung (siehe oben), aber auch den Mut, Dinge zuzulassen, die nicht immer ungefährlich sind und ein pädagogisches Risiko beinhalten . Kinder können sich  bei  einer Waldwoche verletzen oder  von einer Leiter der Bewegungsbaustelle fallen.  Oder: die Erzieherin kann bei einem „Kartoffelprojekt“  den Kindern mit einem Rezeptplakat erklären, wie man Kartoffelbrei macht – sie kann aber auch die Kinder in einem langen und anstrengenden Erfahrungsprozess  erleben lassen, wie verschiedene Versuche der Herstellung von Kartoffelbrei scheitern – von der Zerkleinerung roher Kartoffeln mit dem Hammer bis zum Risiko heftig angebrannter Kartoffeln. Sie hat damit  „völlig ungeplant“  Kindern die unschätzbare Erfahrung des gründlichen, selbständigen und fehlerfreundlichen Ausprobierens vermittelt,  die keine Planung ersetzen kann.

Das Bild vom Kind müsste sich also wandeln von dem zu bewahrenden kleinen Erwachsenen hin zum  erfahrungshungrigen Wesen, dem viel zugetraut und viel zugemutet werden kann. Vorläufer solch einer  Pädagogik sind zum Beispiel die Sensualisten, die der sinnlichen  Erfahrung  den wichtigsten Part  in der Erziehung zuschrieben. Die Meisterschaft in der praktischen Umsetzung ist für mich  in der Reggio-Pädagogik erreicht.

ErzieherIn.de: Die andere Frage ist natürlich: Welches Bild von ihrer eigenen Tätigkeit muss eine Fachkraft haben, die diese Balance aushält?

Ulrich Frischenschlager-Rempe:  Sie muss sich verabschieden von der  Selbst-Definition als „Beibringerin“ und „Belehrerin“, und sie sollte sich verstehen als Begleiterin, die bereit steht, um dem Kind nach seinen Themen und  Interessen  jene Erfahrungen zu ermöglichen, die es braucht, um  die Welt für sich zu erfahren.

ErzieherIn.de: Die Ausbildung von ErzieherInnen geht nach der Einführung des Qualifikationsrahmens doch wohl in eine andere Richtung. Hier wird die Vermittlung von Inhalten geplant, als wenn die SchülerInnen und Studierenden eine Art Nürnberger Trichter wären.  Was empfehlen Sie den Ausbildungssstätten, um trotzdem exemplarisches Lernen zu ermöglichen?

Ulrich Frischenschlager-Rempe:  Reduzierung des Frontalunterrichts und den Mut zu Projekten, bei denen Ausgang und  Ergebnis offen sind, bei denen man mehr aus dem lernt,  was schief geht als aus dem, was reibungslos gelingt; ferner den Mut, die Stundenplangerechtigkeit auf dem Altar des lebendigen Lernens zu opfern. Dies gilt übrigens nicht nur für Fachschulen, sondern durchaus auch für die Bachelor-Ausbildung!

 Es ist völlig klar, dass dies  nicht von jetzt auf nachher gehen wird, aber wie soll jemand, der nur auf Fächer, Noten und vorgedachte Ergebnisse zu schielen gelernt hat, jene Generation von Kindern erziehen und fördern, an der nach allgemeiner Ansicht unser aller Zukunft hängt?  Ferner wäre mir wichtig, auch bei SchülerInnen  nach dem Prinzip  „nicht gegen die Schwächen, sondern mit den Stärken“ zu arbeiten,  fehlerfreundlich zu sein,  Querdenken  und Kreativität  zu fördern,  mehr Wert zu legen auf Nachdenken und weniger auf Fakten  lernen.

ErzieherIn.de: Wissenschaften, die sich in den Ausbildungen niederschlagen, haben oft den Kontakt zu den Kindern, um die es eigentlich geht, verloren.  Wie können Lehrkräfte damit umgehen, ohne die Wissenschaftlichkeit der Lehre zu gefährden?

Ulrich Frischenschlager-Rempe:  Je älter ich werde, desto  unbestimmter kommt mir das vor, was allgemein für „Wissenschaft“ gehalten wird.  Pädagogik und Psychologie  fühlten sich zu Beginn des letzten Jahrhunderts als unpräzise und eher spekulative Geisteswissenschaften diffamiert. Sie zogen für sich den Schluss daraus,  den Nachweis ihrer Wissenschaftlichkeit  in erster Linie durch die Konzentration auf empirische Denkweisen und  Untersuchungsmethoden zu führen – für mich nicht immer der beste und  vernünftigste Weg ;  oft genug kam kaum mehr dabei heraus als Zahlenfixiertheit  zwischen Prozenträngen und Korrelationskoeffizienten.  Andrerseits  möchte ich Wissenschaftlichkeit  nicht definieren ohne eine größtmögliche  „Objektivität“.  Daraus ergibt sich für die Ausbildung in der Frühpädagogik die Notwendigkeit, den Spagat zu schaffen zwischen  objektiven, also intersubjektiv nachvollziehbaren  und möglichst allgemein gültigen Konzepten und Handlungsstrategien einerseits und  einer Art „gesundem pädagogischen Menschenverstand“  als  vernunft-  und erfahrungsgeleitetem  Alltagswissen, das  in letzter Zeit wieder salonfähig wird.  Wie das im einzelnen geht, kann, glaube ich, nicht für jeden allgemein verbindlich  gesagt werden;  jungen KollegInnen würde ich raten:  untermauert das, was für Euch als gesichertes Wissen und als gültige Theorie richtig  ist, mit Eurer persönlichen Überzeugung, und nährt diese Überzeugung sooft es geht aus dem Kontakt zu Kindern!

ErzieherIn.de: Herzlichen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Hilde von Balluseck.

Dr. Ulrich Frischenschlager-Rempe, Jahrgang 1951, Diplompädagoge, Erziehungswissenschaftler;  beruflich tätig in verschiedenen Feldern der Sozialpädagogik (Resozialisierung, Heimerziehung, Stadtteilarbeit, Tagesgruppen, Forschungsprojekt, Lehrer an einer soz.päd. Fachschule) Interessiert an lebendigem Lernen ... Kontakt: UFRBL@t-online.de

Ergänzung: Am 20.1. konnten wir zwei neue Beiträge mit ähnlicher Thematik einstellen: http://www.erzieherin.de/hinter-einer-waschmaschine-lag-eine-zitrone.php und http://www.erzieherin.de/jetzt-haben-wir-das-geschafft.php

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Kommentare (1)

Bettina Hecker 20 Januar 2014, 18:21

Vielen Dank für diesen Artikel, der so eindrücklich darauf hinweist wie wichtig für Kinder das eigene Spiel, die Exploration und die Erfahrung ist. Die pädagogische Atmosphäre, die Kinder brauchen, ist Vertrauen in ihre Fähigkeiten und „Fehler“ machen lassen, selber klettern, laufen, Neugierde ausleben und die permanente pädagogische Kontrolle aufheben. Wichtig für die gute Entwicklung und Bildung ist eine liebevolle Beziehung zum Kind, das Kind in seiner Individualität zu erkennen und mit Geborgenheit, Trost und mit viel Freude und Interesse zu begleiten. Dazu Material, viel Natur und multifunktionales Spielzeug. Alles Weitere erledigt das Kind aus sich heraus. Ich bin oft geschockt, wie falsch verstanden der Kindergarten als Bildungsstätte wird. Mein pädagogisches Motto ist: die Arbeit der Kinder ist Spielen.

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