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Editorial November/Dezember 2009

30.10.2009 Kommentare (0)

Was nützt der Erziehung und Bildung im Kindesalter? Interview mit Stefan Spieker vom Fröbel e.V.

Zurzeit stürmen viele auf die Zukunft gerichtete Vereinbarungen aus Bund und Ländern auf uns ein: Der Koalitionsvertrag der neuen Bundesregierung betont seine Familienfreundlichkeit und den Fokus auf (auch frühkindliche) Bildung, die Länder - allen voran Berlin - bemühen sich um eine Verbesserung der kindlichen Bildung und Erziehung. Auf der anderen Seite gibt es auch viel Kritik: So hört und liest man, dass die Erhöhung des Kinderfreibetrages nur den gut Verdienenden nütze, dass die Armen von der Kindergelderhöhung nichts hätten und dass die Länder sowie die Städte und Gemeinden bei Steuersenkungen nicht mehr wüssten, woher sie das Geld für die ihnen obliegenden Aufgaben hernehmen sollen.

Einige dieser Fragen haben wir einem Experten aus der Praxis gestellt. Stefan Spieker, Diplom-Kaufmann und Geschäftsführer des FRÖBEL e.V., einer der größten freien Träger von Kindertageseinrichtungen in Deutschland, hat in einem Interview Fragen beantwortet, die nicht nur die Träger, sondern auch alle ErzieherInnen und Eltern in diesem Land beschäftigen.

Hilde von Balluseck: Die neue Bundesregierung hat eine Erhöhung des Kindergeldes und eine Erhöhung des Kinderfreibetrages beschlossen. Werden diese Maßnahmen auf die frühkindliche Bildung in Kitas irgendwelche Auswirkungen haben?

Stefan Spieker: Grundsätzlich begrüße ich eine Erhöhung des Kindergeldes und des Kinderfreibetrages, weil dadurch Familien mit Kindern finanziell stärker gefördert werden und die Erhöhung ein stärkeres Zeichen für eine familienfreundliche Gesellschaft setzt. Die Entwicklungen insbesondere der letzten Monate geben mir jedoch einen gewissen Anlass zu der Befürchtung, dass diese zusätzlichen Mittel an anderer Stelle wieder eingespart werden müssen. Es gibt bereits eine Vielzahl von Äußerungen - vor allem aus den Kommunen - dass der lange versprochene flächendeckende Ausbau von U3-Plätzen verschoben werden muss, weil schon jetzt nicht genügend Geld vorhanden ist. Währenddessen stehen viele berufstätige Eltern gegenwärtig vor dem großen Problem, einen Platz für Kinder unter drei Jahren zu dem Zeitpunkt zu erhalten, da sie ihn brauchen, denn in vielen Städten gibt es lange Wartelisten. Auch aufgrund der gestiegenen gesellschaftlichen Akzeptanz der Kombination von weiblicher Berufstätigkeit und Familie ist ein diesbezüglicher Wandel nicht zu erwarten, im Gegenteil eher ein steigender Betreuungsbedarf. Hier hätten aus meiner Sicht zunächst Prioritäten gesetzt werden müssen, damit der Krippenausbau aus Geldmangel nicht gestoppt wird, bzw. sich nicht deutlich verzögert.

Hilde von Balluseck: Die Bundesregierung hat die Einführung eines Betreuungsgeldes beschlossen, gegen das sich die bisherige und wieder ernannte Ministerin Ursula von der Leyen bisher gewehrt hat. Wie kam es zu diesem Meinungswechsel und welche Folgen hat das Betreuungsgeld nach Ihrer Meinung?

Stefan Spieker: Warum hier seitens der Familienministerin ein Kurswechsel stattgefunden hat, vermag ich nicht zu beurteilen. Wir halten die Auswirkungen des Betreuungsgeldes nach wie vor für fatal und zwar gleich in zweierlei Hinsicht. Einerseits befürchten wir, dass bei geringem Einkommen die Gefahr groß ist, dass die Kinder nicht in den Kindergarten gebracht werden, um stattdessen das Betreuungsgeld zu erhalten. Diese Situation wäre für die Kinder absolut unakzeptabel. Als Gesellschaft können wir uns nicht leisten, nachlässig mit der Bildung unseres Nachwuchses umzugehen - das betrifft auch den frühkindlichen Bereich. Es hat Jahrzehnte und einen langen gesellschaftspolitischen Prozess gebraucht, dass Kindertagesstätten zu Einrichtungen frühkindlicher Bildung weiterentwickelt wurden und vollkommen zu Recht mittlerweile immer mehr auch als solche anerkannt werden. Ein Kindergarten ist ein Lernort für Kinder, dort entwickeln sie erste soziale Kompetenzen im Umgang mit anderen Kindern und erhalten vielfältige grundlegende Anregungen zur weiteren Entwicklung. Ein Schlüsselbereich für das spätere Leben ist nicht zuletzt die optimale Entwicklung und Förderung der Sprache, auf die großen Wert gelegt wird. Vor diesem Hintergrund kommt das Betreuungsgeld der Forderung nach einer Prämie dafür gleich, dass Kinder nicht zur Schule gehen sollten. Zum Zweiten wird auch noch in besonders diskriminierender Weise eine Unterscheidung zwischen Eltern mit gutem und Eltern mit geringem Einkommen getroffen. Die einen erhalten Geld, letztere nur Gutscheine, da man ganz offensichtlich davon ausgeht, dass nur Kinder aus sozial schwachen Familien vernachlässigt werden könnten. Solch eine Diskriminierung von Familien mit geringem Einkommen kann mit Sicherheit nicht wünschenswert sein, wenn es darum gehen soll, das Wohl und die Entwicklung deren Kinder zu fördern.

Hilde von Balluseck: Der Senat in Berlin hat trotz hoher Verschuldung zwei sehr erfreuliche Entscheidungen bezüglich der frühkindlichen Bildung getroffen. Die erste bezieht sich auf die Verbesserung der Personalschlüssel, die zweite auf den kostenlosen Besuch von Kindertageseinrichtungen von Anfang an. Welche Auswirkungen haben diese Entscheidungen Ihrer Meinung nach?

Stefan Spieker: Wir freuen uns natürlich sehr über die erzielten Ergebnisse. Das Land Berlin steht sehr gut da, was die Betreuungsquote von Kindern unter drei Jahren angeht, allerdings befand sich das Land in der Vergangenheit eher im hinteren Drittel, wenn man die Betreuungsintensität betrachtet. Hier holt Berlin endlich wieder auf und setzt ein besonderes Zeichen für eine familienfreundliche Politik. Offen ist jedoch noch die Frage, ob und wie schnell die zusätzlich notwendigen 1.800 Erzieherstellen besetzt werden können. Schon jetzt befinden wir uns in der Situation, dass es immer schwieriger wird, entsprechend der hohen Nachfrage gute Erzieherinnen und Erzieher auf dem Arbeitsmarkt zu finden. Es wäre schade, wenn wir zwar Stellen finanzieren könnten, diese aufgrund des Erziehermangels aber nicht besetzen können. Hier muss also gleichzeitig noch mehr für die Förderung des Berufsbildes getan werden.

Hilde von Balluseck: Zum Abschluss: Welche politischen Entscheidungen halten Sie aus Trägersicht in der nächsten Zeit für die wichtigsten?

Stefan Spieker: Wir halten die Qualitätsdiskussion nach wie vor für zentral. Bis heute wird Qualität meistens vor dem Hintergrund des Inputs bewertet, d.h. wie viele Mitarbeiter werden beschäftigt, welche Flächen stehen zur Verfügung, wieviel Geld wird ausgegeben. In der Zukunft wird aus unserer Sicht eher die Bewertung des Ergebnisses in den Vordergrund rücken: Wie gut werden die Kinder betreut, wie zufrieden sind die Eltern mit der Betreuung, werden die Inhalte und Vorgaben der Bildungspläne berücksichtigt und werden ansonsten weitere wesentliche Kriterien für eine gute und liebevolle Betreuung eingehalten.

Wir machen in all unseren Regionen immer wieder die Erfahrung, dass sich die Arbeit in den Kindertagesstätten in den letzten Jahren stark verändert hat. Insbesondere die Zusammenarbeit mit den Eltern ist ein extrem wichtiges Feld und nicht zuletzt ein besonderer Gradmesser für Qualität. Hier müssen neue Wege beschritten werden, um Qualitätsstandards zu setzen und diese zu bewerten, gegebenenfalls wissenschaftlich zu begleiten. Hilfreich und wichtig für diese Entwicklung ist die fortschreitende Akademisierung in den Erziehungsberufen. Die Erfahrungen, die wir zum Beispiel auch durch unsere Kooperation mit der Alice Salomon Hochschule Berlin sammeln, lassen hoffen, dass die Entwicklung der Frühpädagogik auch weiterhin so gut wie in den letzten Jahren vorankommt.

Hilde von Balluseck: Vielen Dank für das Gespräch!

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