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Editorial April/Mai 2012: Frauen in Männerberufen - Männer in Frauenberufen. Die Bedeutung von Girls’ Day und Boys’ Day für die Frühpädagogik

Ursula Rabe-Kleberg, Mechthild Rawert, Hilde von Balluseck

03.04.2012 Kommentare (0)

Am 14. April gibt es seit 2011 den Boys’ Day, seit 2000 schon wird der Girls’ Day am 26. April begangen. Ziel ist in beiden Fällen, Jungen und Mädchen durch Publizität und Veranstaltungen aus ihren traditionellen Rollen zu lösen und ihnen Wege zu neuen Berufen zu eröffnen. Bei den Mädchen sind es die technischen Berufe, Naturwissenschaften und Technik, für die am Girls’ Day geworben wird, bei den Jungen sind es u.a. die pädagogischen Berufe, gerade auch in der Frühpädagogik.

Auf die Angebote der MINT-Fächer für beide Geschlechter werden wir im nächsten Editorial eingehen. Heute stellen wir uns die Frage, welche Bedeutung das Geschlecht für die Wahl des ErzieherInnenberufs und für die Bildung und Erziehung von Kindern hat.

Wir haben dafür eine Wissenschaftlerin und eine Politikerin zur gegenwärtigen Situation von Frauen und Männern im frühpädagogischen Beruf befragt.

Ursula Rabe-KlebergProf. Dr. Ursula Rabe-Kleberg


Prof. Dr. Ursula Rabe-Kleberg hat sich grundlegend mit dem Beruf der Erzieherin auseinandergesetzt.

Mechthild RawertMechthild Rawert


Mechthild Rawert
ist Bundestagsabgeordnete der SPD und Stellvertretende Sprecherin der Gleichstellungskommission der SPD-Bundestagsfraktion.

Ich hoffe, Sie haben Freude an unserem virtuellen Gespräch.

Herzlich Ihre
Hilde von Balluseck

 

Das Interview 

ErzieherIn.de: Seit mehr als zweihundert Jahren ist der Beruf der Erzieherin ein Frauenberuf. Warum haben Frauen diesen Beruf seit dem 19. Jahrhundert ergriffen und warum war er für Männer nicht attraktiv?

Ursula Rabe-Kleberg: Fröbel wollte bekanntlich Männer als Erzieher für seinen Kindergarten, weil ihm nur diese gebildet genug erschienen für die große Aufgabe der „Menschenerziehung“. Er fand aber keine, hatte sich doch das kulturelle Muster der Mütterlichkeit gerade in der Schicht der Gebildeten fest verwurzelt. Fröbel fand dann Frauen aus bürgerlichen Familien, die sich zwar gebildet hatten,  denen eine akademische Ausbildung aber verwehrt war. Der Beruf etablierte sich in der Folge als einer, an den hohe und immer höhere Ansprüche gestellt wurden, ohne dass den Frauen – bis heute – eine angemessene Ausbildung und gesellschaftliche Position zugestanden wurden. Männer werden bis heute aufgrund der kulturellen Zuschreibung zu einem Geschlecht von diesem Beruf abgeschreckt.

ErzieherIn.de: Seit Anfang dieses Jahrtausends gibt es Bemühungen, Geschlechtergleichheit im Beruf herzustellen. Den Anfang machte der Girls’ Day, der 2000 in Europa zunächst in Deutschland eingeführt wurde. Was hat die Bundesregierung damals bewogen, diesen Tag auszurufen?

Mechthild Rawert: Der Mädchen-Zukunftstag - und ich hoffe nicht nur dieser - will Mädchen ermuntern und ermutigen, die eigenen Talente und Fähigkeiten leben zu wollen und will sie dabei unterstützen, die häufig in den Medien noch präsentierten stereotypen Rollenbilder als das zu erkennen, was sie sind: ein Relikt aus dem vergangenen Jahrtausend, einfach uncool. Für die damalige Bundesfrauenministerin Christine Bergmann war der Girls´ Day allerdings nur ein Baustein in der breiten Palette notwendiger Maßnahmen zur Herstellung von Geschlechtergleichheit im Beruf, wozu u.a. auch gehören: gleicher Lohn für gleiche und gleichwertige Arbeit und Initiativen für eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

ErzieherIn.de: Wie schätzen Sie die Erfolge des Girls’ Day ein?

Mechthild Rawert (aus polischer Sicht): Ich halte den Girls´ Day für ein Erfolgsmodell. Die Beteiligung vieler großer und kleinerer Unternehmen aus allen Branchen, die Beteiligung wissenschaftlicher Einrichtungen, aber auch der Politik selbst am Girls´ Day ist dabei Voraussetzung, damit deutlich wird: Mädchen - euch steht alles offen, greift zu! Der Mädchen-Zukunftstag darf aber keine Soloveranstaltung nur an einem der 365 Tage des Jahres sein. Berufsorientierung ist eine dauerhafte Aufgabe vieler Akteure, so auch der Schulen. Es gilt Vielfalt zu entdecken und zu fördern, auf Seiten der Jugendlichen und auf Seiten der Unternehmen und des öffentlichen Dienstes.

Ursula Rabe-Kleberg (aus pädagogischer Sicht): Ich denke, dass gerade die jungen Menschen in der (Nach-)Pubertät so viel mit dem Ringen um ihre Geschlechtsidentität zu tun haben, dass sich nur die wirklich Starken gegen die Meinung ihrer Peers entscheiden werden, oder die, die sich schon immer für andere als geschlechtstypische Aufgaben interessiert haben. Besonders Jungen stehen hier unter großem Druck. Wenn überhaupt, dann setzt so ein Ausnahmetag viel zu spät an und ist zu singulär. Würde die Schule ihre gesellschaftliche Aufgabe wahrnehmen, zur Gerechtigkeit zwischen den Geschlechtern und zu mehr kultureller Offenheit beizutragen, brauchte es solche Tage nicht. Ich denke, dass der Gewinn für die Jugendlichen über einen Tag schulfrei nicht hinausgeht – aber das ist ja auch schon was!

ErzieherIn.de: Frau Rabe-Kleberg, Sie haben in Ihren Veröffentlichungen einige Besonderheiten des ErzieherInnenberufs herausgearbeitet. Können aus Ihrer wissenschaftlich begründeten Sicht Männer ebenso wie Frauen den Anforderungen dieses Berufs gerecht werden?

Ursula Rabe-Kleberg: Selbstverständlich! Ich denke nur, Männern wird es in der Praxis schwerer gemacht! Von Eltern, die Männern verbieten wollen, mit ihren Kindern auf die Toilette zu gehen, von „gestandenen“ Erzieherinnen, die ihr Genderterritorium verteidigen wollen, von Trägern, die auch unerfahrene Männer lieber als Leiter einer Einrichtung sehen als in der Arbeit mit den kleinen Kindern. Die Kompetenzen, die man und frau in diesem Beruf brauchen, sind allgemein menschliche Fähigkeiten, die durch Wissen und Können, kritische(Selbst-)Reflexion und eine Haltung, die durch Respekt vor den Kindern geprägt ist, ergänzt und entwickelt werden müssen.

ErzieherIn.de: Teilen Sie die heute geäußerte Ansicht, dass es für Kinder unbedingt erforderlich ist, auch männliche Bezugspersonen in der Kita zu erleben und mit ihnen Beziehungen aufzubauen?

Ursula Rabe-Kleberg: Ja, ich würde es mir wünschen, dass Männer in der Kita arbeiten, nicht um mit den Jungs Fußball zu spielen – meinetwegen das auch. Vielmehr geht es darum, dass in den ersten Jahren Gender – also die gesellschaftlich erwünschte und kulturell geprägte  Zugehörigkeit zu einem von zwei Geschlechtern – für die Kinder das wichtigste Bildungs- und Erkenntnisprojekt darstellt. Das Forschen danach, wie ist eine Frau und bin ich richtig als Mädchen oder wie ist ein Junge und wie werde ich ein Mann, was wird von mir erwartet, wie werde ich dem gerecht, durchzieht das Denken und Handeln der Kinder. Die Auseinandersetzung mit und die Erfahrung von unterschiedlichen Weiblichkeiten und unterschiedlichen Männlichkeiten stellt dabei und dagegen eine wichtige Bildungsanregung dar. Vor allem Jungen aus traditionellen Familienverhältnissen müssen dann nicht alles, was Bildung heißt, mit dem Weiblichen in Eins setzen, das sie ablehnen (müssen). 

Mechthild Rawert: Selbstverständlich sollen auch Jungs überall arbeiten können, wo sie wollen, warum nicht Erzieher werden? Die meisten jungen Menschen betrachten die Typisierung und Beschreibung von Berufen als sogenannte „Männer“- und „Frauen“-berufe sowieso als nicht mehr zeitgemäß. Sie nehmen die tradierten Berufs- und Geschlechtsrollenmuster mit ihrer - zumeist zu Ungunsten von Frauen - ungleichen Chancenverteilung bei der gesellschaftlichen Wertschätzung, den Karriere- und Einkommensmöglichkeiten durchaus wahr, finden sie aber ungerecht. Wenn es stimmt, dass die Eltern, dann die FreundInnen den stärksten Einfluss auf die Berufsorientierung und die Berufswahl haben, bedarf es hier dringender Veränderungen in den institutionellen Strukturen der Berufsberatung, muss auch Schule mehr Unterstützung bei der individuellen  Berufsorientierung leisten. Notwendig sind auf jeden Fall praxisverbundene berufsbezogene Erkundungen mit Schülerinnen und Schülern in ihrer Lebenswelt. Für beide Geschlechter ist es wichtig, frühzeitig sowohl die Vielfalt der Berufe kennenzulernen als auch zu erkennen, dass sie ihre individuellen Interessen, Talente und Wünsche in verschiedenen Berufen und Berufsfeldern verwirklichen und somit althergebrachte Geschlechterraster auch durchbrechen können. Ohne eine solche Unterstützung ist für beide Geschlechter, für Jungen und Mädchen, die Gefahr groß, dass sie von der Erwachsenenwelt im Stich gelassen werden, da ihnen ohne profunde Berufswahlorientierungs-Beratung nur ein begrenztes Spektrum an Berufsmöglichkeiten ins Blickfeld kommt. Eine verbesserte Unterstützung im Prozess der Berufsorientierung ist ein wichtiger Schritt in Richtung Gleichstellung der Geschlechter. Außerdem ist auch beim Thema Gleichstellung die Durchlässigkeit wichtig. Wenn die Systeme durchlässiger werden, wird es zu einem zügigeren Aufbrechen des vermeintlichen Zusammenhangs von Geschlecht und Beruf kommen.

ErzieherIn.de: Es gibt zurzeit eine Kampagne der Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend für Männer in Kitas. Insgesamt werden 13 Millionen Euro (Quelle: Report in der ARD am 6.3.2012) investiert. Finanziert werden eine Koordinationsstelle, Tagungen und neuerdings ein Serviceportal für Männer, die aus ihrem Beruf aussteigen wollen, um den Beruf des Erziehers zu erlernen. Zusätzlich werden die Länder aktiv.  In Stuttgart ist soeben die Kampagne „Starke Typen für starke Kinder“ gestartet Frau Rawert, halten Sie aus der Gleichstellungsperspektive diese Kampagne für sinnvoll? 

Mechthild Rawert: Ich bin sehr gespannt, was diese Image-Kampagne bringen wird, schließlich fehlen in den kommenden Jahren nach einer Studie des Deutschen Jugendinstituts mindestens 23.000 Fachkräfte in der Kita. Ich glaube nicht an den Riesenerfolg der Kampagne, da sie die Probleme nicht an den Wurzeln anpackt. Die Politik, die die nur vom Alter her jungeBundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Dr. Kristina Schröder, macht, ist eine konservative. Diese Politik entspricht nicht gegenwärtigen und zukünftigen Notwendigkeiten: Schröder verweigert - wie jüngst wieder bei der Vorlage des Familienberichtes der Bundesregierung geschehen - einen weiteren Ausbau von Kinderbetreuungsangeboten, obwohl ab dem 01. August Eltern einen Rechtsanspruch auf Betreuung für ihre ein- bis dreijährigen Kinder haben. Stattdessen fördert sie das Betreuungsgeld - eine Herdprämie, mit der Kinder von öffentlicher Betreuung und Bildung und von anderen Kindern ferngehalten werden, eine Prämie, die zumindest ein Elternteil, zumeist die Mütter, vom Arbeitsmarkt fernhält. Darin drückt sich eine fehlende Wertschätzung der Frühpädagogik als Beruf und als Berufsfeld aus, und das betrifft sowohl ErzieherInnen wie auch Erzieher. Frau Schröder setzt damit sicher nicht das Signal für viele junge Männer, diesen Beruf zu ergreifen.  

ErzieherIn.de: Frau Rabe-Kleberg, Halten Sie aus pädagogischer und psychologischer Sicht die Kampagne für sinnvoll?

Ursula Rabe-Kleberg: Ich denke einmal nicht darüber nach, ob Input und Output hier in einem angemessenen Verhältnis stehen. Obwohl – diese Kampagne erinnert mich an die in den siebziger Jahren „Mädchen in Männerberufe!“. Diese ist zu Recht dem Vergessen anheim gefallen.

Pädagogisch halte ich – wie schon gesagt – eine Steigerung der Anzahl von Männern in der Praxis für sinnvoll. Selbstverständlich nur, wenn auch diese eine gründliche – möglichst - akademische Ausbildung durchlaufen. Warnen möchte ich aber vor zwei Misstönen in diesem Kampagnen-Konzert! Zum einen wird bereits durch den Begriff „Starke Typen“- so er sich allein auf Männer bezieht – ein gender doing Prozess befördert, also eine Typisierung und Festlegung der Männer auf „Stärke“. Neben den sogenannten starken Typen brauchen wir auch die sanften und sensiblen Erzieher. Zum anderen darf nicht der Eindruck erzeugt werden, Männer würden es jetzt sozusagen „reißen“ und alle Probleme der Kleinkinderziehung lösen. 

Starke Kinder brauchen starke Erzieherinnen und Erzieher, das ist richtig. Aber vielleicht war der Slogan anders gemeint? Könnt’ wohl sein.  

ErzieherIn.de: Unser Portal erhält ständig Anrufe oder Mails von jungen Frauen, die den Beruf der Erzieherin ergreifen wollen, die aber die schulischen Voraussetzungen nicht mitbringen, die dafür erforderlich sind. Welche Angebote macht die Bildungspolitik diesen Frauen, damit der drohende Erzieherinnenmangel gemildert wird? 

Mechthild Rawert: Jede der Frauen sollte sich an die entsprechenden Kulturministerien wenden und sich erkundigen, welche Chancen sie mit ihren allgemeinen Abschlüssen im Schulsystem oder ihren Erfahrungen und Abschlüssen im Berufssystem hat. Häufig sind aber auch die entsprechenden Ausbildungsstätten mit ihren Informationen sehr hilfreich. Bundesweit gilt, dass die Aus- oder Weiterbildungsmöglichkeiten in den Bundesländern durchaus unterschiedlich sind. Viele Bundesländer sind auf dem Weg, die Durchlässigkeit ihrer Aus- und Weiterbildungsmöglichkeiten zu steigern. Das ist auch ganz dringend erforderlich. Für mich gilt die Forderung: Kein Abschluss ohne Anschluss - leider sind wir davon u.a. aufgrund unseres föderalen Bildungswesen noch ein Stück entfernt.

ErzieherIn.de: Für die Männer, die aus einem anderen Beruf in die Frühpädagogik umsteigen wollen, gibt es ein vom Ministerium gefördertes Portal. ErzieherIn.de erhält viele Anfragen von Frauen, die aus einem anderen Beruf in die Frühpädagogik einsteigen wollen. Für sie gibt es keine solche Unterstützung. Wie lässt sich dies mit einer gezielten Frauenförderung vereinbaren?

Mechthild Rawert: Gar nicht.

Ursula Rabe-Kleberg:  Zunächst finde ich es toll, Erzieherinnen in der Praxis zu haben, die sich in anderen Bereichen der Gesellschaft, in anderen Berufen, vielleicht sogar in anderen Ländern getummelt haben. Sie bringen vermutlich einen weiteren Blick und viele unterschiedliche Interessen in die tägliche Arbeit ein, was die Bildungsgelegenheiten der Kinder bereichern wird. Nicht nur angesichts des Fachkräftemangels sollten wir aktiv um solche Frauen (und Männer) werben und ihnen durch begleitende Fort- und Weiterbildung den Ein- und Umstieg in diesen Beruf ermöglichen. Rechtlich – im Sinne von gender maintreaming – mag eine Kampagne, die einen quantitativen  Geschlechterausgleich in einem Berufsfeld anstrebt, in Ordnung sein, fachlich und professionell ist es ein Dummer-Jungen-Streich!

ErzieherIn.de: Welche Aspekte sollten bei der Werbung für den Beruf der Erzieherin/des Erziehers stärker beachtet werden?

Ursula Rabe-Kleberg: Man sollte betonen, dass dies ein Beruf ist, in dem man und frau täglich Aufregendes mit den Kindern erleben, in dem sie oft an ihre Grenzen stoßen, in dem sie große Glücksmomente erleben und in dem sie täglich das Gefühl des Scheiterns haben, in dem sie teil haben, an einer großen Zukunftsaufgabe und in dem sie Fähigkeiten entwickeln, von denen sie nie geglaubt hätten, dass sie sie besitzen.

Mechthild Rawert: In den letzten Jahren hat sich der Beruf der ErzieherIn gewandelt, das Aufgabenspektrum ist sehr vielfältig. Gewandelt hat sich auch das Bild einer Kindertagesstätte: Die Kita ist heute eine Bildungseinrichtung, die Gesellschaft erkennt die Bedeutung des Wertes der Frühpädagogik zunehmend stärker an - und das ist gut so. Der Beruf der ErzieherIn hat sich professionalisiert, ist mittlerweile meilenweit entfernt vom Bild der „Basteltante“. Um diesen zukunftsträchtigen Beruf noch attraktiver für junge Frauen und Männer zu machen, muss stärker als bisher an der Durchlässigkeit unseres Bildungssystems gearbeitet werden. Die Anfänge dazu sind gemacht: ErzieherIn ist mittlerweile für immer mehr junge Menschen Sprungbrett in eine akademische Laufbahn. 

ErzieherIn.de: Erzieherin oder Erzieher zu sein ist einer der anspruchsvollsten Berufe überhaupt. Dazu gibt es viele Lippenbekenntnisse – die Anerkennung durch eine entsprechende Bezahlung und gute Arbeitsbedingungen lässt aber meist noch zu wünschen übrig. Welche Forderungen sind an die Politik und die Träger zu stellen, um den Beruf des Erziehers/der Erzieherin attraktiver zu machen und die Werbemaßnahmen nicht ins Leere laufen zu lassen?

Ursula Rabe-Kleberg:  Die Vorstellung von Fröbel, dass es für diesen Beruf wissenschaftlich gebildete Menschen brauche, gilt heute so sehr wie zu seiner Zeit. Dies wird inzwischen auch von einflussreicheren gesellschaftlichen Gruppen vertreten als dies Professionelle und WissenschaftlerInnen sind. Und das ist gut so. Auch dass die Hochschulen nicht auf Regelungen von oben gewartet haben und einfach mit akademischen Studiengängen für den ErzieherInnenberuf angefangen haben, war ein gutes Signal. Im Moment wird mir die Vielfalt der Studienprogramme ein wenig zu bunt, aber das ist sicher eine Übergangserscheinung. Wichtig ist auch, dass zunehmend in den Universitäten und Wissenschaftsgesellschaften dieser Bereich als relevant anerkannt wird. Allein an meinem Lehrstuhl sind in den letzten 10 Jahren 19 ausgezeichnete Promotionen zu diesem Bereich abgeschlossen worden. Was es aber auch braucht, ist eine klare politisch-administrative Aussage und ein entsprechendes Programm. Dieses sehe ich angesichts des Fachkräftemangels allerdings nicht.

Mechthild Rawert: Ich würde es sehr begrüßen, wenn es eine größere Vereinheitlichung der Ausbildung, einheitlichere Standards und Regelungen für die Fort- und Weiterbildung geben würde. Außerdem müssen alle Bildungsstufen Durchlässigkeit gewährleisten. Ansonsten gilt: Erziehung und Bildung braucht „Gute Arbeit“, braucht gute Rahmenbedingungen für diejenigen Frauen und Männer, denen wir unserer Kostbarstes anvertrauen: unsere Kinder, unsere Zukunft.

ErzieherIn.de: Frau Rabe-Kleberg, Frau Rawert, herzlichen Dank für das Interview

Das Interview führte Hilde von Balluseck

Prof. Dr. Ursula Rabe-Kleberg ist seit 1992 Hochschullehrerin an der Martin-Luther-Universität in Halle und Wissenschaftliche Leiterin des Institutes bildung:elementar in Halle, einem Institut für Professions- und Organisationsentwicklung im Kita-Bereich. Sie ist seit vielen Jahren damit befasst, Wissenschaft und Profession im Bereich der Kleinkinderziehung in ein angemessenes Verhältnis zu bringen, durch Förderung des Wissenschaftlichen Nachwuchses, durch Forschung, z.Z. zur Frage des Kinderschutzes als neuer Aufgabe des Kindergartens sowie durch Entwicklung normativer Konzepte für Kitas: zur Zeit arbeitet sie an der Fortschreibung des Bildungsprogramms für Kitas in Sachsen-Anhalt und forscht zur Frage des Kinderschutzes in Kindergärten.

Mechthild Rawert, Dipl.Sozialpädagogin, Dipl.Pädagogin, war in der Sozialpädagogischen Fortbildungsstätte im Haus am Rupenhorn und beim Sozialdienst Katholischer Frauen tätig, bevor sie sich als Projektkoordinatorin bzw. –Leiterin bei BBJ Consult und „Zukunft im Zentrum“ der Arbeitsmarktpolitik zuwandte. 2004/5 nahm sie als Zentrale Frauenbeauftragte der Charité die Interessen von ca. 10.000 Frauen wahr. 2005 wurde sie Bundestagsabgeordnete  der SPD für den Bezirk Tempelhof-Schöneberg in Berlin,  In der SPD Bundestagsfraktion ist sie Sprecherin der Landesgruppe Berlin und Stellvertretende Sprecherin der Arbeitsgruppen Gleichstellungspolitik sowie Migration und Integration.

Literaturhinweis:

Ursula Rabe-Kleberg (1996, 2002): Professionalität und Geschlechterverhältnis. Oder: Was ist "semi" an traditionellen Frauenberufen? In: Combe, Arno/Helsper, Werner (Hrsg.): Pädagogische Professionalität. Untersuchungen zum Typus pädagogischen Handelns. Frankfurt a.M.: Suhrkamp

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